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Konzentration, Aufmerksamkeit, Stille und Achtsamkeit werden oft boykottiert von dem ununterbrochen über uns hereinbrechenden Schwall der Gedanken. «Innere Ruhe» ist häufig nicht mehr als ein Wunschzustand.

Du bist draußen im Wald, in den Wiesen, im Garten, die ersten Frühlingstage sind da. Leberblümchen wachsen über dem Laub, der Huflattich hat den Kies ein Stück weit unter sich gelassen, der Judasbaum ist ein duftendes Meer in Rosa.

Nimmst du sie wahr? Oder radieren deine Gedanken alles aus? Gedanken an das, was gestern nicht gut lief, was du nicht geschafft hast, was morgen womöglich schieflaufen wird, vielleicht, wahrscheinlich, hoffentlich nicht.

Kriegst du die Angst, den Ärger und die Wut nicht aus dem Kopf? Die Wut auf die da draußen, aber auch auf dich selbst, weil du nicht schlagfertig genug warst, irgendwie neben der Spur, einfach nicht gut genug. Wo bist du jetzt gerade, in diesem Augenblick? Wo sind deine Gedanken?

Die Wirklichkeit ist in unserem Gehirn

Wie oft sind wir doch gedanklich abwesend. Unser Gehirn verbraucht Energie für Dinge, die nichts mit dem gegenwärtigen Augenblick zu tun haben. Wenn wir mit voller Aufmerksamkeit von 1 bis 10 zählen sollen, sind wir oft schon bei drei mit den Gedanken woanders.

Wir schaffen es, uns Sorgen zu machen über gestern und morgen und vergessen dabei, heute anwesend zu sein. Wir kreieren Gedanken ohne Rücksicht auf unseren inneren Frieden, auf die Freuden des Körpers, auf ein stilles Glück. Auch wenn wir uns schlecht dabei fühlen, erlauben wir unseren Gedanken, sich wie auf Schienen zu bewegen, immer und immer wieder denselben Weg entlang, gezwungen in dieselben festgelegten Bahnen.

Ist uns bewusst, dass es keine Wirklichkeit gibt als die, die unser Gehirn erschafft? Real sind für unser Gehirn allein neuronale Aktivitäten. Weil wir es zulassen, werden Inhalte von gestern oder morgen zu unserer Wirklichkeit. Nur, weil wir es zulassen! Oder das wird wirklich für uns, was andere denken. Das, was uns von irgendwo und von irgendwem als wichtig suggeriert wird.

Dabei verpassen wir unser Leben, unser Leben jetzt, die Gefühle jetzt, die Intuitionen und Inspirationen jetzt. Wie oft spiegelt denn unsere Wirklichkeit den aktuellen Augenblick wider? Jetzt und hier. Ist unsere Wirklichkeit nicht «in Wirklichkeit» eine Illusion, der wir angeblichen Realisten anhängen?

Das Paradies der «inneren Ruhe»

Uns fehlt die innere Ruhe, manchmal oder immer öfter. Wir wälzen Gedanken und geben ihnen die Vollmacht, das Leben und die Gegenwart unserer Tage aufzufressen und durch die Stille unserer Nacht zu lärmen. Wir ermächtigen sie, ja, tatsächlich wir allein, denn niemand sonst ist der Boss in unserem Leben, nur wir allein.

Haben wir einmal diese Tatsache akzeptiert, so kann das der Beginn einer neuen Gelassenheit und Lebensfreude sein. Indem wir diese vergessene Tatsache anerkennen, nehmen wir wieder unseren angestammten Platz ein. Wir können aussteigen aus dem Karussell der Gedanken.

Erste Hilfe für Karussellfahrer

Unsere kognitiven Fähigkeiten können in einer Welt, in der uns Informationen von Tag zu Tag rasanter überrollen, zu einer Belastung werden und uns ins Schleudern bringen. Was ist eigentlich mit dem, was unsere sinnenhafte, sinnliche Welt zu bieten hat? Was ist mit Gerüchen, Bildern, Geschmäckern, Klängen, Körperempfindungen?

Hier sind die besten Tipps & Tricks zur Soforthilfe, um sofort aus dem Gedankenkarussell auszusteigen und die Kontrolle zurückzugewinnen. Die folgenden Methoden sind eingehend geprüft und bewährt. Sie funktionieren prima beim Kartoffelschälen, beim Einölen der Gartenmöbel, beim Staubsaugen, beim Joggen und … und … und … Probiere aus, womit du dich am wohlsten fühlst.

Achsamkeit 1: Atem.

Der Atem fließt durch die Nase in dich herein, die Flaumhärchen neigen sich im Luftstrom, hinter dem Tor zum Rachen spürst du die angenehme Kühle in deine Lungen sickern. Der Atem kehrt aus den Tiefen zurück an die Nasenspitze, du beobachtest, wie etwas aus dir heraus und von dir geht und lässt es los. Du bist ganz präsent, während der Atem kommt und geht. Du nimmst den ganz eigenen Rhythmus wahr, der dich mitnimmt in dein Leben.

Achsamkeit 2: Bilder.

Bilder verbinden dich mit der Welt. Du öffnest die Augen und nimmst die aktuelle Szene bewusst wahr. Hinter der Selbstverständlichkeit der visuellen Wahrnehmung spürst du deine Augäpfel. Die schwimmen in ihren Höhlen, rollen von links nach rechts, nach oben, nach unten. Du nimmst wahr, ob ihre Bewegungen weich sind oder womöglich ruckeln oder stottern, und empfindest ebenso die zunehmende Leichtigkeit und Beweglichkeit, mit der die Bilder zu dir kommen.

Achtsamkeit 3: Katzengang.

Wenn du gerade zu Fuß unterwegs bist, fällst du nicht – ohne Besinnung, ohne Wahrnehmung, völlig auf Autopilot geschaltet – von einem Fuß auf den anderen, sondern bleibst mit deiner Aufmerksamkeit ganz nah dran, während du den Fuß hebst, nach vorn bewegst, dort absetzt und dann — erst dann — das Gewicht auf den vorderen Fuß verlagerst. Ein ganz neues Gehgefühl. Lies dazu eine Schritt-für-Schritt-Anleitung

Achtsamkeit 4: Ölguss.

Gönne dir einen etwas anderen ayurvedischen Ölguss – mit inneren Bildern. Lebhaft stellst du dir vor, wie warmes Öl vom höchsten Punkt des Kopfes hinab fließt. Es breitet sich zu allen Seiten aus, sickert auch durch das Innere des Leibes. Vom Kopf über die Schultern, beide Arme, den Rücken und die Brust, innen durch den Rumpf mit all seinen Organen, die Hüften, beide Beine.

Genieße es, den Leib — deinen Leib — so intensiv zu empfinden. Spüre bewusst, wo das Öl leicht fließt und angenehm, wo es sich zäher anfühlt, wo es heller oder dunkler wird. Kommen Gefühle, dann lass sie stehen, so wie sie sind. Nimm sie an. In diesem Augenblick ist keines davon gut, keines ist schlecht. Folge dem Öl bis hinunter in die Füße und lass es schließlich in den Boden hinein sickern. Lass es los. Es ist, als würdest du den ganzen Körper abtasten.

Achtsamkeit 5: Umwelt.

Wenden dich deiner Mitwelt zu. Ausschließlich wahrnehmend. Alles bleibt so, wie es ist. Ohne Wertung. Öffne das Fenster und nimm die typische Witterung der Pizzeria auf. Der Wind weht, und du wirst dir bewusst, wie er rauscht oder pfeift oder fächelt. Die Ampel schaltet auf Grün, und du hörst das Lärmen der loslegenden Motoren. Du riechst die Ausdünstungen des Müllwagens. Die Sonne geht unter, und du siehst dem Licht beim Schwinden zu.

Du willst in die abendlichen Lichter der Stadt eintauchen. Während du dich durch die Fußgängerzone schiebst, spürst du, wie dein Körper und die Körper der anderen sich aneinander vorbei reiben. Beim Italiener schmeckst du das Aroma von Rosmarin, Basilikum, Zitronenöl heraus. Alles bleibt so, wie es ist. Ohne Wertung.

Begleiterscheinungen des Karussells

Und was ist, wenn die Gedanken niemals wirklich aufhören, im Karussell wirbeln ohne Ende? Wenn sie nicht vorübergehend und schnell abzuschütteln sind? Wie äußert es sich, wenn du dich immer wieder aufs Neue innerlich davongerissen fühlst?

Vielleicht kennst du den einen oder anderen der folgenden Gemütszustände:

  • kann nicht entspannen, sogar in Ruhe nicht
  • manche zwanghaften Gedanken kenne ich zum Teil seit langem
  • bin auch ohne äußeren Anlass unruhig
  • das Gedankenkarussell weckt alte, bohrende Gefühle
  • vermisse meine frühere Lebensfreude
  • weiß gar nicht mehr, wie es sich anfühlt, gelöst zu sein
  • ich bin so wütend, auch wenn ich das eigentlich schon längst nicht mehr will
  • kann nicht mehr unbeschwert einfach da sein
  • bin überdreht und angestrengt
  • stehe ständig unter Druck
  • da gibt es Dinge, die ich mir nicht verzeihen kann
  • kann mich schlecht konzentrieren
  • schlafe nicht gut

Erfahrungen umerleben. Gefühle erneuern.

Auch hierbei helfen die genannten Tipps — als Erste Hilfe. Wahrscheinlich aber nützt es nachhaltiger, die zugrunde liegenden Erfahrungen umzuerleben. Die könnten geprägt gewesen sein durch Überzeugungen, Gedankenmuster oder Lebenseinstellungen. Es könnten die Folgen von emotionalen Verletzungen sein. Wie befreiend wäre es, neue Gefühle an der Stelle der alten zu empfinden.

Oft tut es gut, einfach einmal darüber zu sprechen. Solche Gemütszustände gibt es ja, wo wir uns einen Gesprächspartner wünschen, mit dem wir die Dinge gemeinsam aus einer anderen Perspektive betrachten können.

Es kann sich so erfrischend anfühlen, den Dingen so weit auf den Grund gehen, bis wir wieder „Land sehen“.

Bildquelle: Stig Nygaard Piqs | Mensch vital bei Google+

Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

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