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Je mehr Jahre vergehen, desto unbeweglicher scheinen wir zu werden. Die Ursache ist schnell ausgemacht: Das Alter. Hans Selye, der Vater der Stressforschung, sah das ganz anders.

Beweglichkeit ade

Beweglichkeit und Altern scheinen nicht gut zusammenzupassen. Ein beweglicher Körper im Alter mutet eher an wie ein unerfüllbarer Traum. Je älter Menschen werden, desto natürlicher erscheint es ihnen, die Beweglichkeit ihrer Jugend einzubüßen. Das Vergehen der Tage und Jahre, davon sind sie überzeugt, bringe den Verlust der früheren Beweglichkeit mit sich. Ist das so? Stimmt ihre Überzeugung, dass Glieder mit den Jahren eben ihre Geschmeidigkeit verlieren, dass Nacken steif werden, Rücken schmerzen, Bandscheiben verdorren oder aus der Reihe tanzen, Hüftgelenke ausgetauscht werden müssen, Knie ihren Dienst versagen. Beweglichkeit, so ihr fester Glaube, sei eben ein Privileg der Jugend.

Das Rätsel der Sphinx

Tatsächlich gewöhnt man sich an vieles, auch daran, dass alte Menschen gebrechlich sind. Alte waren schon immer so, nicht wahr? Bereits die Sphinx mit ihrem berühmten Rätsel spielt auf diese unbeweglichen, gar gebrechlichen Wesen an: «Sie sind am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen ändern nur sie allein die Zahl ihrer Füße; aber eben dann, wenn sie die meisten Füße bewegen, sind Kraft und Schnelligkeit ihrer Glieder am geringsten.»

Erfolgreich altern

Auch, wenn es natürlich auch heute Greise gibt, die mit einem Stock zum Dreifüßer werden, leben doch ebenso in jeder Generation zahlreiche Menschen, deren Körper und Geist bis zu ihrem Tod gut funktionieren. Gerontologen bezeichnen das als »erfolgreiches Altern«. Wie machen diese Leute das? Offfenbar hatten sie schon immer den Mut, Gebrechlichkeit im Alter nicht als unvermeidlich hinzunehmen. Glaubt man an Gebrechlichkeit, wird daraus nämlich schnell eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Um beweglich zu bleiben, reicht allerdings körperliches Fitnesstraining nicht aus. Um fit, beweglich, gelenkig und schmerzfrei zu bleiben, braucht es etwas ganz Anderes. Ein bisschen Umdenken tut not.

Die Steuerung durch das sensomotorische System

Unser sensomotorisches System, d. h. die Abstimmung zwischen Spüren und Bewegen, reagiert auf die täglichen Belastungen, Krisen und Traumata unseres Lebens mit spezifischen Muskelreflexen. Im Sekundenrhythmus passt es sich an die Anstrengungen des täglichen Lebens an.

Krisen meistern oder alt aussehen

Derartigen Reflexen folgen Muskelspannungen. Leider werden diese leicht zur Gewohnheit. Das passiert immer dann, wenn die auslösenden Krisen nicht gemeistert werden. Die Folge ist, dass die unveränderte Krise – wir kämpfen immer noch mit dieser blöden Sache – dieselbe Kontraktion in jeder Sekunde wieder und wieder auslöst, notfalls jahrelang. Zugegeben, das hört sich nicht gut an, aber eigentlich haben wir es schon immer gewusst. Und dabei gehofft, dass es vorübergehen wird. Das tut es aber nicht von allein. Unser Körper reagiert auf die gleiche Angst immer in der gleichen Weise: ein Stich im Bauch, Schultern hoch, Nacken steif, Knie stramm durchgedrückt, Pobacken zusammengepresst und so weiter. Notfalls über die Jahre hinweg. Die Krise lebt, solange wir nicht lernen, damit umzugehen.

Kein Einfluss mehr auf Verspannungen

Nach und nach entziehen sich die Verspannungen unserem Einfluss, wir können sie nicht mehr willentlich lösen. Mit der Zeit werden sie sogar vollkommen unbewusst. Wir haben dann vergessen, dass wir unsere Muskeln unentwegt anspannen, denn wir spüren sie nicht mehr. Am Ende haben wir sogar vergessen, wie wir uns bewegen können. Das Ergebnis sind andauernde Steifheit, Nackenschmerzen, Schmerzen in der Schulter, Rückenschmerzen und Schmerzen im Knie sowie ein eingeschränkter Bewegungsspielraum – alles mit vielfältigen medizinischen Spitznamen belegt. Dann sehen wir in der Tat ziemlich alt aus.

Sensomotorische Amnesie

Diese besondere Art des Vergessens nennt der amerikanische Physiotherapeut Thomas Hanna sensomotorische Amnesie (SMA). Dadurch werden Bewegungsmuster fixiert, die uns zuletzt in die Bewegungslosigkeit zwingen. Nur: Die Ursache hierfür liegt keineswegs im Altern. Wir mögen uns das einreden, weil es irgendwie bequem erscheint. Wenn das Altern schuld ist, dann können wir halt nichts dagegen tun. Schließlich werden wir alle einmal alt.

Die Trennung in uns überwinden

Natürlich haben wir keine Kontrolle über Automatismen. Tief im Zentralnervensystem, wo sie entstehen, beeinflussen sie aber unseren gesamten Organismus. Zum Glück gibt es einen Trick. Dort drinnen sind wir uns zwar nicht des »Leibes« bewusst, aber der Gefühlsregungen und aktiven Prozesse dieses »Leibes«. Sie alle sind miteinander verbunden. Hier im zentralen Nervensystem ist die Trennung zwischen Leib und Gefühl aufgehoben. Diese Einheit wird auch Ganzheitlichkeit genannt oder Kohärenz. Hier können wir eine Empfindung wahrnehmen und zu gleicher Zeit beobachten, mit welcher Bewegung, welcher Geste, welcher Mimik sie verbunden ist. Und umgekehrt: Wie fühlt es sich an, wenn ich mich so oder so bewege? Fühle ich mich gut oder schlecht, selbstbewusst oder ängstlich? Achtsamkeit? Ja, unbedingt. Durch die ständige Wechselwirkung zwischen seinen seelischen und körperlichen Reaktionen stehe es in der Macht des Menschen, seine körperliche und geistige Entwicklung in einem beträchtlichen Ausmaß zu beeinflussen, bestätigt Thomas Hanna. Dahinter steht die Erkenntnis von Hans Selye, dass nämlich physiologische Erkrankungen aus psychologischen Ursachen wie Stress entstehen und auf umgekehrtem Wege durch Überwindung der krisenhaften Situation oder der belastenden Deutung der Situation wieder beseitigt werden können. Das gibt Hoffnung. Bei der sensomotorischen Amnesie, so Thomas Hanna, handele sich um eine adaptive, mithin der Anpassung dienende Reaktion des Nervensystems. Sie könne jederzeit auftreten und tue dies auch – von Kindheit an. Und weil sie eine erlernte adaptive Reaktion sei, könne sie auch wieder verlernt werden.

Die Seele ist der Körper ist die Seele

Diese ungewohnt erscheinende Sicht von innen ist eine «somatische», körperliche, leibliche Sichtweise, wonach alles, was wir in unserem Leben erfahren, in eine körperliche Erfahrung mündet. Das mag Jahre dauern, folgt aber mit unerbittlicher Konsequenz. Wer den Begriff »Karma« kennt, fühlt sich vielleicht erinnert. Am Ende sieht es nur oberflächlich betrachtet so aus, als sei das alles eine Frage des Alterns. In Wahrheit liegen die Ursachen oftmals in den blühenden Jahren, als den Problemen nicht die rechte Aufmerksamkeit geschenkt und darauf reagiert wurde. Wir sind nicht unbeweglich, weil wir altern; wir altern, weil wir unbeweglich sind. Mit Kenntnis der somatischen Sichtweise können wir die Gebrechlichkeit, die die Sphinx meinte, verhindern und sogar rückgängig machen. Hans Selye unterstreicht, wieviel wir aus unserem Inneren heraus für unsere körperliche Gesundheit tun können, um die Auswirkungen von Stress durch unsere Einstellungen und Reaktionen zu verringern. Das Geheimnis von Gesundheit und Glücklichsein, so Selye, liege in einer erfolgreichen Anpassung an Herausforderungen und Krisen. Nun fehlt womöglich nicht mehr viel, und wir haben Lust darauf, dieses Wissen in unserem Leben zu verwirklichen. Was bedeutet, dass wir mit Willenskraft anfangen, zu handeln und im täglichen Wandel mitzugehen und mitzufließen. Das scheint wirklich notwendig – unsere Not wendend. Denn Hans Selye hat keine gute Nachricht für diejenigen, die dazu nicht bereit sind: «Krankheit und Unglück sind die Strafen für ein Versagen in diesem großen Anpassungsprozess.»

Bildquelle: Christian Rosenbaum bei Wikimedia | Mensch vital bei Google+
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Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

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