Seite auswählen
 

Die Legende will es, dass Taijiquan von dem Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange inspiriert wurde. Tatsächlich war alles viel nüchterner. Am Anfang nämlich stand die Kunst des Krieges. Aus ihr entwickelte sich das Schattenboxen, wo sich der Kämpfer wie ein Schatten bewegt. Und vor allem gegen den eigenen Schatten kämpft.

Der Aufstieg begann mit einem Abstieg. So wie oft im Leben. Jahrelang war er ein erfolgreicher Mann, angesiedelt ganz oben in der Hierarchie. Bis zu seinem Fall von einem Tag auf den anderen. Mit einem Mal waren all sein Können, seine Kompetenz und die Jahre seiner Erfahrung nicht mehr gefragt. Er, der Pragmatiker und Macher, hatte keine Chance, er konnte nichts tun. Vielleicht war es genau das, was ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Er kämpfte und machte alles nur schlimmer. Irgendwann war er am Ende und versank in Verzweiflung, Trübsinn und Schwermut.

Eine spirituelle Erfahrung

Sein Name war Chen Wangting, bis zum Jahr 1644 General der Truppen der chinesischen Ming-Dynastie, ein Kämpfer der sprichwörtlichen «leeren Hand», der Hand ohne Waffen, erprobt im Nahkampf mit bloßen Fäusten ohne Waffen.

Als er aus seiner Depression zurückgekehrt und sein Nachdenken an ein Ende gekommen war, erlebte er etwas, das wir heute eine spirituelle Erfahrung nennen würden. Er war ausgegangen von seinem Kummer, seinem Schmerz und seiner Wut. Gelandet war er bei einer vergeistigten Strategie, die seine Kampfkunst veränderte. Und nicht nur die.

Ein General philosophiert

Trost und Stärke hatte er bei der daoistischen Philosophie gefunden. Sie hatte ihn erkennen lassen, dass die Polaritäten Yin und Yang niemals aufhören würden. Sie würden in jedem Augenblick Entscheidungen von ihm verlangen. Und jeder Entschluss würde ihn erneut in eine Situation führen, für die er eine Entscheidung brauchte. Und so immer weiter, in einem ununterbrochenen Fließen.

Tugenden im Leben und im Kampf

Nirgends würde er an ein Ende kommen, es gäbe nichts Bleibendes, keinen stabilen Zustand. Das Ende des Einen wäre zugleich immer auch der Ausgangspunkt für etwas Anderes, Neues. Die Empfindung seines Erfolgs hatte sich in das Leiden der Depression verwandelt. Und auch die würde vorübergehen. Genauso verhielt es sich im Kampf.

Festhalten an einer Position oder Starrheit oder Augenblicke des Bedauerns oder der Reue oder des Zorns, all das würde ihn aus seiner Achtsamkeit und dem Fluss reißen. Mit jeglichem Beharren, das wurde ihm klar, würde er scheitern, das war die falsche Strategie der Verlierer. Bewusstheit, Loslassen und Mitfließen im steten Wandel der Dinge hingegen die rechte.

Die Geburtsstunde der «weichen» Kampfkunst

Die Erkenntnis dieses Augenblicks wurde zur Geburtsstunde des Taijiquan, der Vereinigung des allerhöchsten Wirkprinzips 太极 Taiji mit 拳 quan, der leeren Hand; der Kampfkunst, welche geistige Prinzipien mit körperlicher Technik und Fitness verbindet; eben des Taijiquans, das wir heute als ganzheitliche Bewegungskunst verstehen.

So wurde der persönliche Abstieg des Chen Wangting zum Beginn eines Aufstiegs aus den Tiefen des rein körperlichen Kampfes zum höchsten Punkt einer vom Geist Kampfkunst.

Mit Taijiquan können wir heute die Kunst der Entschleunigung und des Loslassens praktizieren. Loslassen im Bewusstsein der Psyche und im Bewusstsein des Körpers. Taijiquan unterscheidet sich von anderen Bewegungslehren durch die Einbeziehung des höchsten Letzten, wie Taiji, der erste Teil des Namens Taijiquan, auch übersetzt wird. An diesem höchsten Punkt berühren sich Geist und Körper.

Bewusstheit, Qi und Körper

Hier erschafft unser Bewusstsein das Qi – das ist die Lebensenergie der chinesischen Heilkunde und Philosophie -, und das Qi wiederum erhält, formt und steuert den Organismus mit Körper und Psyche.

Schon das uralte Daoyin, das Chen Wangting inspirierte und das heute bekannter ist unter dem Namen Qigong, nutzte das Qi für gesundheitsfördernde Körperübungen. Dabei wird das Qi wahrgenommen, sinnlich gespürt und bewusst geleitet. So wie die Qualität des Bewusstseins gutes oder schlechtes Qi hervorbringt, so wird das Qi schließlich zur Ursache von Gesundheit oder Krankheit.

Faszinierend ist es zu beobachten, wie Biophysik und Gehirnforschung in den letzten Jahren immer mehr zu vergleichbaren Aussagen gekommen sind. Sie nähern sich einer Ganzheitlichkeit, die wissenschaftliche Züge trägt. Für die Mutigen unter diesen Wissenschaftlern wird das Bewusstsein zur Ursache für Aktionspotentiale an den Membranen, die entstehende Bioenergie wiederum bildet bio-elektrische Felder als Basis für entstehende Teilchen, Zellen, Organe und am Ende komplexe Körper.

Die innere Wandlung

Eine wahrhaftig spannende Zeit, in der uralte Spiritualität und neuestes Wissen sich einander annähern. Beide Sichtweisen laufen auf eine innere Wandlung hinaus, welche das gesamte Leben aus dem Geist heraus erschafft. Diese Alchemie in unserem Organismus fordert von uns allen eine bisher so nicht gewohnte Verantwortung.

Verantwortung meint hier die Antworten auf Fragen, die uns das Leben in jedem Augenblick stellt. Aus dieser alten, neuen Perspektive sind wir nicht mehr Opfer, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht. Krankheiten fallen uns nicht an, sie sind nicht heimtückisch. Vielmehr spielt unser Bewusstsein dabei eine Rolle, deren Möglichkeiten wir bisher allzu oft nicht genützt haben. Vielleicht gelingt es uns künftig häufiger, die Alchemie in unserem Organismus anzunehmen. Vielleicht können wir damit beginnen, sie zu lieben.

Taijiquan bietet, wie diese Zusammenhänge zeigen, eine wundervolle Möglichkeit, beweglich und körperlich sowie geistig fit, aber auch rundum heil und gesund zu bleiben oder zu werden und zugleich das eigene Bewusstsein zu klären und zu erweitern. Wir können an jedem Punkt des ganzheitlichen Spektrums beginnen, keiner davon hat mehr oder weniger Wert als der andere, solange das Ganze im Blick gehalten wird.

Taiji, innere Ruhe und das Selbst

In meiner langen Zeit als Lehrer für Taijiquan habe ich schon sehr bewegende Momente miterlebt, wenn eine simpel erscheinende Bewegung ganz unerwartet tiefere Bereiche des Wesens berührte und veränderte. Auch meine eigenen Erfahrungen haben mir Taijiquan als einen tiefgründigen Weg gezeigt, mit dem ich innere Ruhe und am Ende mich selbst finden kann. Und dieses Selbst ist weitaus mehr als nur ein Körper oder nur eine Psyche.

Bildquelle: CW-Design bei Aboutpixel | Mensch vital bei Google+
Dao-Yoga. Coaching. Aus eigener Kraft.

Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

eMail-pic   Website-pic          Angebot Mensch vital Angebot Selbstheilungscoaching

Shares
Share This