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Immer deutlicher entwickeln wir eine Vision davon, wie unser Leben aussehen könnte, wenn wir es achtsam, nachhaltig, gesund und bewusst gestalteten. Ein Leben, in dem Werte eine wichtige Rolle spielten. Ein Leben, in dem wir uns selbst als Teil von diesem Großen empfänden, das wir manchmal die Schöpfung nennen.

Es wäre ein Leben, in dem wir wirklich Empathie für die Menschen empfänden, mit denen wir Tag für Tag zusammen sind; wir übten eine Arbeit aus, für die wir brennen, ohne zu verbrennen.

In diesem Leben wären unsere Werte unteilbar: Wir verhielten uns nicht im Job gnadenlos und probierten zu Hause das Gegenteil. Wir wären nicht zu Hause einfühlsam, und glaubten zugleich, im Job nicht ohne Ellbogen auszukommen. Wir strebten nicht halbherzig nach einem persönlichen Leben voller Sinn und betrachteten unseren Beruf als nichts anderes als eine unvermeidliche Geld-verdien-Gelegenheit. Unsere Leidenschaft gälte dem Leben als Ganzes.

Leidenschaft, Hingabe, Werte und Sinn.

Bleiben wir einmal bei der Arbeit. Die Bedingungen in Jobs werden immer rigider, die Abhängigkeiten immer größer, die Kompromisse immer alltäglicher. In diesem Umfeld ohne Gnade suchen immer mehr von uns immer leidenschaftlicher nach Erfüllung, Arbeit soll einen Wert an sich darstellen, in ihr wollen wir Sinn finden.

Unter sinnvoller Arbeit beginnen wir zu verstehen, dass wir vom Ertrag unserer Arbeit nicht nur gut leben, sondern mit ihr auch einen Beitrag zum Ganzen leisten. In dem Fall wären wir wohl bereit, ihr unsere ganze Leidenschaft und Hingabe zu widmen.

Das mag unsere heimliche oder, wer weiß, nicht ganz so heimliche Sehnsucht sein: uns ganz und gar zu engagieren und einzubringen, ein Leben voller Freude zu führen. So ein bisschen in der Art wie damals, als noch die protestantische Ethik galt, als wir unsere Arbeit, unser Streben und unseren Fleiß Gott widmeten und er uns im Gegenzug als wertvoll anerkannte. Damals erlebten viele den Sinn der Gottheit gemeinsam mit dem Gefühl, satt und zufrieden zu sein.

Der Kampf zwischen Wirklichkeit und Vision

Die Welt von früher war aber nicht zu retten — und mit ihr ging uns der Sinn unseres Lebens und unserer Arbeit verloren. Beide zerbrachen mit atemberaubender Geschwindigkeit und werden gewiss so niemals wiederkommen.

Aber wir kämpfen um eine Vision, ein Leben mit Werten in aktuellem Gewand. Dieser gute Wille ist da, aber wissen, spüren und fühlen wir eigentlich wirklich, was wir wollen? Haben nicht die Gefühle, die uns solche Werte vermitteln könnten, ihren Einfluss auf unser bewusstes Handeln längst verloren? Vielleicht weil wir als schwach gelten, wenn wir zugeben, «aus dem Bauch heraus» zu handeln? Vielleicht weil im Ernstfall das Geld mehr zählt. Fühlen wir nicht mehr, was wir wert sind, weil wir tief drinnen die Menge an Geld als Messwert dafür ansehen, wieviel wir «wirklich» wert sind?

Die Ehr´. Der Geiz.

Während wir derart verstrickt sind, besteht für viele der Sinn des Lebens und der Arbeit, so sieht es heute aus, darin, besser zu sein als die andere, schneller und effektiver zu handeln als der andere. Der Druck, den das erzeugt, macht ehrgeizig.

Ehr und Geiz aber heißen dem etymologischen Wortsinn nach zusammen nichts anderes, als dass wir «gierig nach Anerkennung» sind. Die geben wir uns selbst nicht mehr, und das — wenn wir uns von der schönfärberischen Bedeutung des Ehrgeizes einmal nicht blenden lassen — erhellt recht gut die dunkle Seite unseres Strebens.

Verfolgen wir diesen Gedanken ein Stück weit, dann steht dahinter eine unerfüllbare Forderung, dass nämlich andere uns doch schenken mögen, was wir uns selbst vorenthalten. Dann müssen wir wohl oder übel — schließlich verlangen die anderen dasselbe von uns — den Konkurrenten geben, was sie sich selbst nicht zugestehen. Am Ende kämpft jeder gegen alle um etwas, das niemand besitzt. Anstrengend! Und zerstörerisch.

Wir wissen: Wo nichts ist, da ist auch nichts zu holen. Wer es trotzdem versucht, beklagt bitter, aber vergeblich sein mühseliges Dasein im Hamsterrad.

Trotz allem: die Vision lebt!

Aber die Vision lebt. Das ist ein Glück, finde ich. Immer mehr Menschen fangen an zu akzeptieren, dass es so wie bisher nicht funktioniert. Sie suchen und finden in sich selbst die Anerkennung, die Freude und den Sinn. Sie erinnern sich an die vielen klugen Dinge, die über die bei uns viele Jahre lang verhasste Selbstliebe und über Egoismus gesagt wurden. Zum Beispiel von Hillel, einem jüdischen Mystiker am Beginn unserer Zeitrechnung:

«Wenn du nicht für dich bist,
wer wird dann für dich sein?
Wenn du ausschließlich für dich bist,
was für eine Bedeutung hat dann dein Leben?»

In Wahrheit sind das gar keine Gegensätze, das Interesse an mir selbst und das Interesse an anderen schließen sich nicht aus. Die Liebe zu mir und die Liebe zu den anderen ist ein und dasselbe. Empathie, Mitgefühl und Liebe sind nicht hier so und dort so, in Wahrheit sind sie nicht teilbar.

Wer sich im Kreis dreht, sollte mal aus der Reihe tanzen

Einstweilen aber bleibt die Vision für viele nur wenig mehr als eine hübsche erstrebenswerte Idee. Sie würden gern, wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen. Sie leiden im täglichen Kampf um Anerkennung und — sagen wir es ruhig — um Liebe: Krankenschwestern, Fußballspieler, Lokführer, Ärzte, Führungskräfte, Trainer, Politiker, Hausfrauen — keine gesellschaftliche Gruppe ist ausgenommen.

Wichtig für alle ist zu wissen: Sie tragen keine Schuld. Nein, Schuld ist es nicht, aber schließlich und endlich ist es ihr Leben, und dafür tragen sie die Verantwortung in dem Sinne, dass sie aufgefordert sind, Antworten auf offenen Fragen zu finden.

Der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen, ist immer jetzt. Der Dalai Lama, dessen buddhistische Religion den Begriff «Schuld» nicht kennt, sagt:

«Es gibt nur zwei Tage im Jahr,
an denen man nichts tun kann.
Der eine ist gestern, der andere morgen.»

Und Laozi, der große Philosoph des philosophischen Daoismus, bemerkte vor zweitausendfünfhundert Jahren:

«Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit dem ersten Schritt.»

Warum eigentlich nicht die Sache jetzt zu einem Projekt machen? Arbeitstitel «Sinn ohne Ehr´ und Geiz». Dieses Mal ohne to-do-Liste, stattdessen ganz im «Flow», mit dem gewissen «inneren Lächeln», dem «Lächeln des Buddha». Damit die Vision lebe und Wirklichkeit werde. Keine schlechte Idee.

Bildquelle: Markus Mauthe Markus Mauthe | Mensch vital bei Google+

Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

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