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Es ist selten, dass Menschen von Liebe reden, ohne in romantische Verstrickungen oder Konstrukte abzurutschen. Wenn die Gefühle sich überschlagen, wird es schwer einen kühlen Kopf zu bewahren. Vigor Calma denkt nach über die Herausforderung, Liebe, Selbstfindung und die Luft zum Atmen im Alltag unter einen Hut zu bringen.

Nebenbei ist ein kühler Kopf mäßig sexy. Wer kennt nicht den Spruch meist sexuell uninteressanter Wesen, die behaupten, dass Liebe etwas mit chemischen Prozessen zu tun hätte. Selbst wenn es so wäre, würde ich ein romantisches Liebesgedicht dieser faszinierenden Undeutlichkeit vorziehen. Verglichen mit den Erklärungsversuchen eines Rationalisten, treffen sogar weniger bunte Liebespoeme ins Zentrum der Sache.

Jenes Zentrum ist paradox. Etwas, das ich fühle, aber sobald ich danach greife, löst es sich auf. Sobald ich es erklären will, rennt es weg. Sobald ich darüber rede oder schreibe, krümmt es sich vor lachen, und winselt um Gnade. Bevor du, werter Leser, um Gnade winselst, lass mich um Nachsicht bitten. Ich denke nur laut und hoffe, du hast ein wenig Spaß daran, meinen wirren Konstrukten zu folgen. Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich begleitet vom Lachen der Liebe. Lache bitte mit.

Der Unfug der Liebe

Liebe ist vor allem etwas, wonach die meisten Menschen sich sehnen.

Es gibt Menschen, die Liebe mit dem Sehnen nach Liebe verwechseln. Lustigerweise ist selbst solcher Unfug in der Liebe beinhaltet. Liebe ist ziemlich groß. Vieles hat in ihr Platz, dennoch ist sie niemals wegen Überfüllung geschlossen. Dennoch ist die Liebe etwas anderes als der Ausdruck der Liebe.

Es gibt Menschen, die setzen Liebe mit Harmonie gleich, und nehmen ihre kleinen Vorstellungen von Harmonie als Maßstab, wundern sich dann aber bald, warum soviel Missklänge da sind. Es ist schwer vorstellbar für die meisten Menschen, dass die Welt, in der soviel Tod und Leid existiert, in perfekter Harmonie sein könnte. Ich möchte fast meinen, dass ich ein klares Unentschieden vorfände, auf dieser Welt, wenn ich meine Moralkonstrukte in der verstaubten Abfallkiste fremder Implantate ließe. Leid und Freude im gleichen Maß vorhanden. Fifty fifty. Liebe liegt jenseits meiner und deiner Bewertungen. Der Liebe ist ein Regenbogen ebenso wichtig wie eine Kakerlake. Beide sind Ausdruck eines Wunders, das ich nie begreifen, sondern nur in Liebe erfahren kann und darf.

Denken, Fühlen und der Sprung ins Ungewisse

Es ist gerade einer der Menschen, die am ehesten verstanden hatten, wie der Hase läuft — ich schreibe von Jesus C —, der am übelsten fehlinterpretiert wurde. Ich glaube nicht, dass Jesus romantische Anwandlungen hatte, und auch nicht, dass er ein Rationalist war. Ich schätze, er war einer der frühesten eigenständigen Denker und Fühler auf dieser Erde, der bereit war, sich nichts mehr vorzumachen.

Ich denke, er war einer der Ersten, die sich weigerten, das Wort Liebe in einem anderen Sinn als dem des Lebens zu nutzen. Vielleicht würde er heute manches anders ausdrücken, als er es damals tat. Vielleicht würde er sich heute anhören wie ein Esoterik-Guru. Er sprach, wie es ihm damals möglich war, und seine Worte waren revolutionär. Noch revolutionärer wäre vielleicht gewesen, wenn er geschwiegen und genossen hätte.

Das Wunder der Einfachheit

Das ist zweifelsohne die tiefste Lehre der Liebe: Genieße und schweige. Denn alles was ich sage, kann und wird missverstanden werden. Ich bin ein Narr, dass ich dies hier schreibe – doch weiß, dass die Liebe Narren liebt.

Liebe ist nicht das, wofür sie allgemein gehalten wird. Sie ist ein Werkzeug und eine Energie, die wir Menschen lenken dürfen und können. Da dran ist nichts Romantisches. Gewissermaßen ist es für mich sogar ernüchternd zu bemerken, dass ich viele Jahre meines Lebens veralbert wurde mit Halbwahrheiten über die Liebe. Heute erkenne ich, dass in der Einfachheit ein Wunder steckt, das ich bislang nur erahne.

Ich muss weder den Mond anheulen, noch Drachen erlegen, ich muss weder Gedichte schreiben, noch Blumen für die Liebste kaufen. Ich muss nicht.

Ich kann. Ich darf.

So frei, der inneren Stimme zu folgen

Zu lieben bedeutet für mich, mir meiner Freiheit bewusst zu sein. Mir bewusst zu sein, dass eine Energie durch mich fließt, die Jesus noch „Gott“ nannte. Aber so unklar dieser Begriff auch sein mag: Diese Idee hat keinen Bart.

Buddha hat es ein wenig besser auf den Punkt gebracht, mit seinen Erklärungsversuchen, dass wir nie geboren wurden und nie sterben werden, weil wir nicht sind. Sein Ansatz mit dem Illusions-Ding erscheint mir etwas weiser als Jesus‘ Erklärungsversuche.

Gemeinsam haben sie beide, dass ihre Ideen dazu dienen sollten, Menschen freier zu machen — doch Menschen lassen sich gerne führen, und geben gerne ihre Aufgaben in die Hände anderer. Das ist, wo sich Sklave und Herrscher die Hand reichen. Die Sklaven lassen sich führen, weil sie gerne bestimmte Aufgaben an Leute abgeben, die das vielleicht besser machen könnten. Die Herrscher wiederum sind sich zu fein und wichtig, um bestimmte Angelegenheiten selbst zu regeln, und so verstricken sich Herrscher wie Sklaven in Ausreden und Missverständnisse. Obwohl es ganz einfach ist: Ich muss nur in mich reinlauschen und meiner inneren Stimme, meiner Herzensstimme folgen.

Die Stimme des Herzens. Göttlich?

„Herzensstimme“ ist ähnlich missverständlich wie „Gott“. Die gesamte Esoterikszene ist nur darauf aufgebaut, zu erklären was mit „Herzensstimme“ gemeint ist. Wie auch jede Religion darauf aufgebaut ist, herauszufinden oder zu verschleiern, was „der Prophet“ mit „Gott“ gemeint haben könnte.

Die Liebe schaut zu, und wundert sich. Wohin ich auch schaue, schlägt sie mir ihre Signale und Wegweiser entgegen. Und ich? Ich bin so beschäftigt mit Nebensächlichkeiten, dass ich die einfachsten Hinweise nicht mehr sehe. Ich bin auch sehr gut darin zu erkennen, wo Liebe fehlt. Aber das gilt nicht. Da streckt mir die Liebe die Zunge raus und schreit mir fröhlich zu: Tanze! Und mach’s so, als würdest Du nach dem Tanz sterben.

Keine Illusionen mehr, kein jämmerliches Spiel

Im Angesicht des Todes wird jedem klar, welch Geschenk das Leben ist. Doch muss ich nicht erst Sterben, und den Moment verpassen, sondern es steht mir frei, gleich zu leben. Jetzt. Es gibt niemand, der oder die Macht über mich hat. Macht ist ein jämmerliches Spiel, denn es ist auf einer Illusion aufgebaut. Ich bin frei geboren, und lebe frei. Niemand kann mir meine Antworten geben, niemand kann mir mein Leben verkaufen oder es einkaufen.

Ich bin frei, und das ist jenseits romantischer Ideale und paranoider Schreckensszenarios. Ich lebe, und ich bewege mich. Das ist, was ich mache, und das ist, wozu ich hier bin. Nicht mehr, nicht weniger. Darin ist weder etwas Romantisches, noch etwas Tragisches. Kann sein, dass in eben dem Moment, da ich wirklich ich bin, da ich im Hier lebe und da ich erkenne, wie klein ich bin, mich eine Ekstase durchströmt, wie sie in Poesie, Musik, Malerei und Tanz beschrieben wird.

Atmen und sich selbst finden

Ekstase ist weniger das Gefühl beim Orgasmus, vielmehr ist der Orgasmus die Welle, die meine jämmerlichen Erklärungsversuche wegträgt und mich an einen Ort führt, wo ich Ekstase bin.

Liebe ist die Herausforderung, wirklich herausfinden zu wollen, was in mir geschieht, ohne mich in Eitelkeiten zu verstricken. Liebende Menschen können mir Bereicherung sein, auf der Nicht-Suche nach Liebe. Im Austausch kann ich ihnen Bereicherung sein. Gleichzeitig gibt es nichts zu bereichern, denn da ist keine Not. Die Liebe ist da. Immerzu. Wie die Luft, die wir atmen. „Wir“ leben in einer Welt, in der „wir“ gelernt haben für lange Zeit den Atem anzuhalten.

Ich beginne mich zu erinnern, wie Atmen geht.

Bildquelle: Vielfalt21 bei Fotolia | Mensch vital bei Google+

Über den Autor

Vigor Calma, in der Berliner Szene noch als „Der Träumer“ bekannt, beschäftigt sich außer mit kreativem Ausdruck in Malerei und Klang, auch gerne mit schriftlichen Dokumentationen seiner Reisen in die Phänomene der Welt und des Lebens. Hauptthema seiner Betrachtungen ist die Herausforderung im Loslassen und in der Menschwerdung, beziehungsweise der Verstrickungen, die auf dem Weg liegen.

Alle Beiträge von Vigor Calma.

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