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Bei Problemen mit dem Rücken denken viel Patienten und Behandler in erster Linie an Muskeln, Körperhaltung und an die damit verbundenen passiven Haltestrukturen, Sehnen und Bänder. Der folgende Beitrag betrachtet Rückenschmerzen aus der Perspektive psychischer Belastung.

Bedürfnisse jenseits der Physiotherapie

Warum gibt es eigentlich gymnastische, muskelaufbauende, stärkende Rückenübungen wie Sand am Meer, während gleichzeitig immer mehr und immer jüngere Menschen unter Rückenschmerzen leiden und keine Hilfe finden? Die Antwort ist einfach und erschreckend: Weil diese Rückenübungen nicht selten an den Bedürfnissen vorbei empfohlen bzw. «verschrieben» werden.

Grund dafür ist, dass oft keine exakten anatomischen, haltungsbedingten, muskulären oder sonstigen Gründe für die Rückenschmerzen gefunden werden. 75 Prozent aller Rückenschmerzen gelten als «unspezifisch», denn Rückenschmerzen ändern sich häufig mit der Tagesverfassung.

Die Ursachenforschung der Schulmedizin aber beschränkt sich auf anatomisch und physiologisch erfassbare Daten. Und dies, obwohl bekannt ist, dass psychische Gründe oft die wichtigere Rolle bei der Entstehung von Rückenschmerzen spielen.

So spielen denn auch bei der Empfehlung von Rückenübungen und beim „Verschreiben“ von Psychotherapie psychische Ursachen eine untergeordnete Rolle, auch deshalb, weil die Zuständigkeiten unter Ärzten klar geordnet sind und einer dem anderen nicht ins Fachgebiet hineinreden will. Wer wirklich hilfreiche Rückenübungen sucht, sollte also damit beginnen, auf den eigenen Körper zu horchen und sich über die eigenen Belastungen und Bedürfnisse klarzuwerden.

Eine Leidensgeschichte

Eine Original-Leidensgeschichte: «Ich habe Schmerzen in den Schultern, sie kommen und gehen. Manchmal ziehen sie höher, und ich kriege einen steifen Hals. Dann kommt es vor, dass ich mal ein paar Tage nichts bewegen kann obenrum.

Das ist schon eine ganze Weile so, ehrlich gesagt seit Jahren. Am Anfang habe ich das nicht so ernst genommen. Aber mit der Zeit sind die Rückenschmerzen insgesamt schlimmer geworden und in die Brustwirbelsäule und bis in den unteren Rücken gewandert. Aber in der Schulter waren sie nach wie vor.

Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich könnte professionelle Hilfe brauchen. Also Krankengymnastik. Anschließend fragte mich die Physiotherapeutin, ob mir die Rückenübungen gut getan haben. Leider war genau das Gegenteil der Fall, und ich kam kaum zurück nach Hause.

Danach probierte ich verschiedene Behandlungen wie Osteopathie, manuelle Therapie, Triggerpunktmassage usw., alles speziell gegen Rückenschmerzen, hat alles nichts gebracht. Man hört ja immer wieder, man muss selbst etwas tun, also mache ich Dehnübungen – anfangs ab und zu, jetzt bereits Monate regelmäßig – aber ich glaub nicht die richtigen.

Rückenschmerzen haben viele, das wusste ich, aber es sind viel mehr, als ich glaubte, laut Statistik geht es 80 Prozent so ähnlich wie mir.»

Rückenschmerzen: Volksleiden Nummer 1

Tatsächlich gelten Rückenschmerzen als Volksleiden Nummer 1. Statistisch gesehen sind Rückenschmerzen nach den Atemwegsinfektionen die zweithäufigste Ursache für einen Arztbesuch.

Nach der Krankheitskostenrechnung des Statistischen Bundesamtes entstanden für die Behandlungen von Problemen mit Rücken und Wirbelsäule 2008 Aufwendungen in Höhe von 9 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Weil nach internationalen Berechnungen nur rund 15 % der Gesamtkosten für die medizinische Behandlung aufgewendet werden, aber etwa 85 % den Produktivitätsausfall entfallen, gehen Schätzungen von volkswirtschaftlichen Kosten von ca. 60 Mrd. € in Deutschland aus.

Zahlen der AOK weisen in dieselbe Richtung. Danach verursachten Erkrankungen der Wirbelsäule und des Rückens je 10.000 Pflichtmitgliedern 33.785 Arbeitsunfähigkeitstage (Stand 2002). Das sind im Schnitt mehr als drei Tage pro Mitglied und insgesamt fast 18 Prozent aller ausgefallenen Arbeitstage.

Die konventionelle, von den Kassen bezahlte Medizin nimmt bei Diagnose und Behandlung vor allem eine Perspektive von außen ein, um die Gesundheit zu verbessern. Deshalb zielen auch nahezu alle Rückenübungen ausschließlich auf den physischen Körper. Worauf denn sonst, könnte man fragen.

Rückenschmerzen und Stress

Hans Selyes Ansatz war völlig anders. Seine bis dahin ungewohnte Fragestellung machte ihn zum »Vater der Stressforschung« und zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten der medizinischen Forschung des zwanzigsten Jahrhunderts.

Er wies nach, dass der Zustand der Psyche die menschliche Gesundheit oder Krankheit ebenso prägt wie Verspannungen. Seine neue Sichtweise, die die Verbindung von Körper und Psyche in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, schmälert die Bedeutung der traditionellen Medizin nicht; sie ergänzt sie vielmehr um die Anerkennung der Interaktion von Körper und Geist, die an allen »Anpassungskrankheiten«, wie Selye sie nannte, beteiligt ist.

Die Hirnforschung bestätigt heute, wie Recht er mit seiner umfassenden Perspektive hatte. Als Konsequenz aus der Stressforschung müsste heute jeder, der seinem Rücken mit Rückenübungen Gutes tun möchte, nicht nur an seinen schmerzenden Körper denken, sondern auch an seine wehe Seele.

Erste Hilfe bei psychisch bedingten Rückenschmerzen

Was also können wir unternehmen, damit Rückenschmerzen verschwinden und nicht chronisch werden? Lies hierzu eine Übung mit Erste-Hilfe-Maßnahmen, die du insbesondere bei psychischer Belastung anwenden kannst.

Die Einheit von Seele und Körper

Später entwickelte sich aus Hans Selyes Erkenntnissen die Psychosomatik. Sie zog die Konsequenzen daraus, dass wir uns von innen heraus niemals als getrennt als Seele und Körper betrachten, als Psyche (griech. psyche = Seele) einerseits und Soma (griech. soma = „Körper“) andererseits.

Da drinnen können wir nicht anders, als beide Wahrnehmungen unserer selbst zu verschmelzen.

Jeder weiß, dass unsere Stimmung stark davon abhängt, ob wir gerade Schmerzen haben oder nicht. Umgekehrt verkrampfen Schultern und andere Muskeln, wenn wir psychisch unter Druck geraten. Deshalb besteht zwischen Rückenschmerzen und unseren stressigen Lebensbedingungen, wo in jedem Augenblick maximale Leistung gefordert wird, ein direkter Zusammenhang. Was passiert da genau?

Streit, Angst und Probleme

Auf psychische Belastungen wie zum Beispiel Streit, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, Angst vor Krankheit, finanzielle Probleme und Lärm reagiert unser Körper innerhalb von Sekundenbruchteilen reflexartig, indem spezifische Muskeln kontrahiert werden.

Normalerweise werden die Muskeln wieder entspannt, sobald die Situation vorüber ist. Wird die Belastung aber zur Gewohnheit, dann erfolgt keine Entspannung mehr. Dann wird die Kontraktion im Sekundentakt wieder und wieder auslöst, notfalls jahrelang.

Auf Dauer können wir die Verspannung nicht mehr willentlich lösen, sie wird schließlich vollkommen unbewusst: Wir haben die verspannten Muskeln vergessen, wissen nicht, was wir tun müssen, um uns zu bewegen.

Neuromuskuläre Amnesie

Das Ergebnis sind andauernde Nackenschmerzen, Schmerzen in der Schulter, Rückenschmerzen und Schmerzen im Knie, Steifheit sowie ein eingeschränkter Bewegungsspielraum.

Dieses Phänomen wird «neuromuskuläre Amnesie» (NMA) genannt, das große Vergessen der Zusammenhänge zwischen Nerven und Muskeln. Obwohl der Reflex eigentlich vor Belastung und Verletzung schützen soll, verstärkt er den Schmerz mit der Zeit und treibt uns auf Dauer in die Bewegungslosigkeit.

Seine Ursachen sind unzweifelhaft psychischer Natur. Nehmen wir einmal an, der schlimme Fall sei eingetreten, und wir wären nur noch in der Lage, uns eingeschränkt zu bewegen. Wir hätten also die Kontrolle über unseren Körper bereits verloren und litten unter der sensomotorischen Amnesie (SMA).

Dennoch könnten wir auch jetzt noch etwas für die Gesundung unseres Körper tun. Ja, es ist sogar möglich, die SMA rückgängig zu machen. Weil es sich um eine adaptive, d. h. eine der Anpassung dienende Reaktion des Nervensystems handelt, die erlernt wurde, kann sie auch wieder verlernt werden. Wie gehen wir also am besten vor?

Uralte Probleme verursachen noch heute Stress und Schmerz

  • Wir lassen von einem Arzt eine Schädigung unseres Skelettsystems ausschließen.
  • Wird ein Schaden festgestellt, tun wir das Nötige und Mögliche, um ihn zu beheben.
  • Danach machen wir uns mit dem Gedanken vertraut, unsere Rückenprobleme könnten womöglich von psychischen Belastungen herrühren.
  • Dabei bedenken wir, es können Jahre vergangen sein bis zu unserem heutigen Zustand. Die ursächliche Anspannung kann also bereits vor langer Zeit zum ersten Mal aufgetreten sein.
  • Unsere seelische Verletzung damals war sehr stark, wir konnten sie nicht abschütteln und sie bis jetzt nicht endgültig aus unserem Gefühl verbannen.
  • Deshalb ist die damalige Belastung in vergleichbaren Situationen heute so aktuell wie damals.
  • Welche Gedanken und Gefühle – Angst, Wut, Schrecken, Hass, Unterdrückung, Abwertung und ähnliche – werden in uns ganz spontan wach, wenn wir an unser größtes körperliches Problem denken?
  • An diesen schlimmen Gefühlen merken wir, dass die Sache von damals noch immer in uns lebt.
  • Dann ist es eine gute Idee zu verzeihen. Erst einmal uns selbst, dafür, dass wir unter diesen Gefühlen leiden. Wir versichern uns selbst, wir seien dennoch ein guter, liebenswerter Mensch. Aber wir verzeihen auch der Person, die diese Gefühle in uns ausgelöst hat. Und wir vergeben unserem Körper, der die Quelle unserer Schmerzen ist und unsere Bewegungsfähigkeit einschränkt. Wir beginnen ein körperliches Übungsprogramm im Bewusstsein des Verzeihens und im Bewusstsein, unseren Körper zu lieben. Lies hier die etwas andere Rückenübung zum begleitenden mentalen Training: Verzeihen und Lieben.

Ein ganzheitliches Selbsthilfeprogramm bei Rückenschmerzen

Unter den vielen rein körperlich ausgerichteten Übungsprogrammen überzeugt das «Dao-Yoga des Heilens» durch seine ganzheitliche Orientierung. Dao-Yoga ist ein System zur Selbsthilfe, zu dessen Methoden u. a. Tajiquan, Qigong und Meditation gehören.

Die sich ergänzenden und gegenseitig stärkenden Methoden helfen, die Selbstheilungskräfte zu wecken. Sie tragen zur harmonischen Entfaltung von Körper, Seele und Geist bei. Ihr Ziel ist, Stress und negative Emotionen in Lebenskraft umzuwandeln.

Eine der Techniken, die sich als Rückenübung hervorragend eignen, ist Qigong mit seinen individuell einzusetzenden Übungen. Qigong bedeutet dem Sinn nach »die Arbeit an der Lebensenergie« und ist Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM).

Qigong gegen Neuromuskuläre Amnesie

Qigong harmonisiert außer dem Körper auch diejenige Ebene innerhalb unseres Körpers, wo «funktionelle Störung» ihren Sitz haben. Mit Qigong können auch die Blockaden, die durch das «große Vergessen» entstanden sind, überwunden werden. Dazu werden die Bewegungen durch individuelle innere Bilder ergänzt. Diese Technik heißt Neigong, übersetzt etwa »innere Arbeit» oder «innere Bewegung». Gerade durch die »innere Bewegung» erreichen die Körperbewegungen des Qigong ihre außerordentliche Qualität und Wirksamkeit.

Die Übungen sind unkompliziert, sie können unabhängig von Alter und Fitnesslevel praktiziert werden.

Bildquelle: josef325 bei Piqs | Mensch vital bei Google+
Dao-Yoga. Coaching. Aus eigener Kraft.

Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

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