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Psychische Verletzungen stehen immer häufiger im Mittelpunkt, wenn wir uns selbst zu ergründen und zu verstehen suchen. Shai Tubali und Tim Ward über neue Denkmuster, Verwundungen, den Willen als Triebkraft und die Rolle der Selbstheilung.

Was ist der Unterschied zwischen Lord Voldemort aus „Harry Potter“ und Saruman aus „Herr der Ringe“? Beide sind Bösewichte, aber sie entstammen unterschiedlichen literarischen Epochen, und die Natur ihrer Bösartigkeit unterscheidet sich grundlegend.

Als Tolkien 1930 Saruman erschuf, war die Idee eines Zauberers, der sich mit dem Bösen vereinigte, um höchste Macht zu erreichen, äußerst plausibel. Dagegen gehört Lord Voldemort zu der Sorte „neuer Bösewicht“.

In unserer heutigen Zeit sind Schurken im Grunde gute Menschen, die aufgrund durchlebter Traumen auf die schiefe Bahn geraten sind. So verließ laut der Geschichte um Harry Potter Lord Voldemorts Vater dessen Mutter, die kurz nach der Geburt des Kindes starb. Diese Wunde um den Verlust machte ihn zum Monster.

Zwei weitere Filmbeispiele veranschaulichen wunderbar die Psychologisierung des Bösen: Darth Vader, wie er in den Star Wars Folgen der 1970er Jahre erschien, verkörperte das pure, machtvolle Böse. Die Trilogie des 21. Jahrhunderts konzentrierte sich ausschließlich auf die psychischen Verletzungen, die Vader in seiner Kindheit erlitt, und wie seine durch den Tod der Mutter bedingte Angst ihn auf den dunklen Pfad führte.

Beim Zauberer von Oz aus dem Jahr 1939 ist die böse Hexe unbarmherzig boshaft. In der modernen Version „Wicked“ wird sie zu einer sympathischen Heldin, die als Kind aufgrund ihrer grünen Hautfarbe geächtet wurde.

Das «Heilige Land» in uns

Der auf moderne Autoren und Filmproduzenten ausgeübte Druck, traumatische, psychologisch ausgefeilte Motive für ihre Schurken zu erdenken, deckt sich gänzlich mit der dominierenden Weltsicht unserer Zeit, dem liberalen Humanismus.

Der liberale Humanismus sieht die Menschheit als grundlegend gut, und stellt die Psyche in den Mittelpunkt jeder menschlichen Existenz. So wurde unser inneres Gefühlsleben zum Heiligen Land – ein äußerst fragiles und sensibles Land, das endloser Pflege und Schutzes bedarf, seit der psychologischen Entdeckung, dass wir alle verwundete und zerbrochene Seelen sind, getrieben von Kindheitstraumen und Schmerz. Wir wollen niemanden verletzen; wir wollen niemands Selbstwertgefühl schwächen und wir wollen den Traumen anderer voller Mitgefühl begegnen.

Sensibilität und das «Trojanische Pferd»

Sensibilität ist gut, aber als Nebenprodukt haben wir das Konzept des verwundeten Selbst derart verinnerlicht, als wäre es grundlegender Bestandteil der menschlichen Natur.

In der Tat handelt es sich dabei um eine ganz neue Idee. Das «verwundete Selbst» wurde nie belegt. Stattdessen wurde es in unserer Kultur lediglich so oft wiederholt, dass wir es für wahr halten. Es findet sich in der Therapie, Selbsthilfe, alternativen Medizin, Spiritualität, Kunst, Unterhaltung und sozialen Bewegungen, sogar Gefängnisreformen wieder.

Das zerbrochene Selbst. Ein neues Denkmuster

Da diese Vorstellung innerhalb unseres Kulturkreises gänzlich angenommen wird, ist sie somit auch zum individuellen Denkmuster avanciert. Wir analysieren unsere Verhaltensmuster und fragen uns, wer uns womöglich verletzt haben oder welches Kindheitsdesaster unserer Unzufriedenheit zugrunde liegen könnte. Warum leiden wir oder lassen andere leiden? Welche Erinnerung liegt in den Tiefen unserer Vergangenheit begraben – etwas, das uns jemand angetan hat, ein Verwandter oder Klassenkamerad?

Ist das die ersehnte Heilung?

Und der Sinn des Lebens? In unsere Traumen einzutauchen, unser zerbrochenes Selbst zu rehabilitieren und unsere Wunden zu heilen. Mit dieser ersehnten Heilung werden wir immerhin wieder zu der guten Person, die wir im Herzen sind, egal wie elend wir uns gefühlt oder wie böse wir waren.

Es gibt hier zwei Probleme: ein logisches und ein praktisches. Zuerst: Wenn jeder aufgrund einer Kindheitswunde zum Schurken wird, wären alle Aggressoren in Wirklichkeit selbst Opfer. Glaubten wir tief an ein universelles Opfersein, müssten wir das Konzept des «Schurken» völlig fallen lassen.

Praktisch gesagt, der Identität, die wir um unser Opfersein herum erschaffen haben, Glauben zu schenken, hat starke negative Auswirkungen. Wenn wir die Erfahrung der Opferposition als Zentrum unserer Psyche heiligen, kann dies zu einer fortdauernden Anhaftung an die Opferidentität führen und somit Wachstum und Entwicklung verhindern.

Zwischen Trauer und Eigenverantwortung

In Therapiesitzungen habe ich, Shai, mich daran gewöhnt, dass neue Klienten eifrig ihre Trauergeschichten als Ursache ihrer gegenwärtigen Schwächlichkeit heranziehen.

Ich sage nicht, dass vergangene Erlebnisse nicht zur Bildung unserer Persönlichkeit beitragen. Ich meine nur, dass diese Menschen zu stark an ihren Traumen festhalten und sich zu leicht damit identifizieren, oft als Ausrede, die sie vor Eigenverantwortung für ihr Leben und Leiden bewahrt. Sogar, wenn Menschen mich zu ihren Wutanfällen konsultieren, sprechen sie immer darüber, wie sie in der Vergangenheit angegriffen und dadurch aggressiv wurden.

Früher habe ich mit Gefängnisinsassen gearbeitet, die aufgrund von extremer Gewalt oder sogar Mord inhaftiert waren. Sie erklärten häufig, dass die kriminellen Handlungen von frühen Traumen verursacht wurden, so, als wären sie elendig von einer Krankheit befallen worden, die sie zu solchem Verhalten zwang.

Aber sind wir wirklich einfach nur unschuldige und verletzliche Geschöpfe, die durch Traumen pervertiert wurden? Würden wir ohne Traumata tatsächlich nicht nach Macht streben, wären wir einfach reine manifestierte Liebe in menschlicher Form?

Was treibt uns im Kern unseres Wesens?

Wir, Shai und Tim, sehen die Sache ganz anders. Wir lehnen die Vorstellung, unseren Schmerz und unsere Sorgen als Zentrum unserer Identität zu betrachten, ab. Unsere Geschichte ist nicht die eines Opfers – sie mag Opfererfahrungen beinhalten, aber wir sind keine Opfer.

Unserer Ansicht nach ist der Wille die Triebkraft in unserem Wesenskern. Wenn wir verstehen, dass wir «Wille auf zwei Beinen» sind, sehen wir plötzlich, dass ein Opfersein in dieser Welt lediglich eine vorübergehende Schwächung ist und kein fortdauernder Seinszustand. Hätten wir gekonnt, hätten wir gewählt, unsere Macht zu vergrößern, anstatt jemand anders in Schwäche ausgeliefert zu sein.

Können wir das nicht, machen wir die bittere Erfahrung des vereitelten Willens. Wenn sich jemand über seine Opferposition in der Welt beschwert, meint er in Wirklichkeit: „Es ist ungerecht, dass ich auf der schwächeren Seite des Lebens stand und nicht das bekommen habe, was ich wollte!“ Es schmerzt in der Tat sehr, den eigenen Willen so völlig einem anderen unterlegen zu wissen. Dies ist das wahre Gesicht unserer Qual, nicht das Opfersein.

Deshalb nennen wir das «verwundete Selbst» das falsche Unterbewusstsein, und das «willensgetriebene Selbst» das wahre Unterbewusstsein. Es ist einfach: Wir legen die Maske des Opfers an, um jedermanns Aufmerksamkeit, einschließlich unserer eigenen, von unserem wahren Selbst abzulenken, das die Erfüllung seines eigenen Willens und seiner Macht sucht.

Ein gefährliches Werkzeug

Wofür brauchen wir das? Zunächst entschuldigt die Opfermaske unsere negativen Verhaltensmuster, wie die Unfähigkeit, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, oder sich auf eine liebevolle Beziehung einzulassen. Außerdem ermöglicht uns die Opfermaske, dass unser fortdauerndes Wollen von anderen unbemerkt bleibt. So können wir nichtsahnende Menschen täuschen. Drittens erlaubt uns die Opfermaske, uns freizügig über Machthaber unserer Vergangenheit oder Gegenwart zu beschweren und ihnen die Verantwortung für unseren tragischen Zustand zuzuschieben anstatt uns selbst.

Diese drei Gründe machen das falsche Unterbewusstsein zu einem sehr nützlichen, aber auch gefährlichen Werkzeug in der Welt der Machtspiele.

In Wahrheit ist die Opfermaske für gewöhnlich übertrieben. Wenn wir nicht gerade zu den Unglücklichen gehören — lähmende Kindheitserkrankung, sexueller Missbrauch, Leben in einem Kriegsgebiet — ist unsere Opferwahrnehmung vermutlich gestört. Viele Menschen erfahren in einigen Momenten ihres Lebens eine ernsthafte Frustration und Schwächung.

Wer aber aus dem falschen Unterbewusstsein heraus lebt, wird nach diesen Momenten suchen und sie sammeln, sich mit ihnen verbünden und daraus eine Identität entwickeln. Allmählich identifizieren wir uns so sehr mit der Opfermaske, dass wir uns von unserem willensgetriebenen Selbst abspalten und der Wille so zu einem unterdrückten Unterbewusstsein verkommt — ein wesentlicher Teil unseres Selbst, zu dem wir die Verbindung verloren haben.

Missverständnisse, Ablenkungen, Entschuldigungen

Wenn solche Menschen Therapie beanspruchen, scheint dies wie ein verzweifelter Versuch, ihre „Wunden“ zu heilen. Doch dies ist lediglich ein Ablenken — an der Basis ihres wahren Unterbewusstseins bleibt der ursprüngliche Wunsch nach Macht bestehen, jedoch begraben und somit weder für Therapeut noch Klient erkennbar. Tränenreich sprechen sie über ihr Leiden und fordern vom Therapeuten das Recht ein, zu tun, was sie im realen Leben nicht tun konnten: ihrem unerfüllten Willen Ausdruck zu verleihen.

Die Betonung der Opfererfahrung, um die aggressiven Versuche, das Gewünschte zu bekommen, zu vertuschen, ist eine willkommene Ablenkung. Diese Art von Ablenkung erlaubt es jemandem, der frustriert ist, auf seine Opfererfahrung fokussiert zu bleiben, auch wenn diese Erfahrung direkt aus dem eigenen aggressiven, unbewusst unterdrückten Willen resultiert.

Die Wut und das gebrochene Herz

Ich, Shai, kann zwei Beispiele für dieses Ablenken geben: Ein Klient in den Vierzigern, der seine Frau mit ihrer besten Freundin betrogen hatte, kam zu mir und beschwerte sich über die Wut seiner Frau, als sie es herausfand. Erstaunlicherweise belastete ihn der Betrug in keinster Weise. Er machte in der Tat sich selbst zum Opfer, indem er sich über ihre mangelnde Sensibilität und Aufmerksamkeit gegenüber seinen Bedürfnissen beschwerte!

Ein anderer Mann beschrieb ein Kindheitstrauma, entstanden, als ihn seine Spielkameraden einst vom Fußballfeld verbannt hatten. Er hatte darauf mit Schock und einem gebrochenen Herzen reagiert. Allmählich brachte die Geschichte jedoch ans Licht, dass er ein Pausenhofschläger war, der die anderen Kinder tyrannisiert hatte, bis sie sich verbündeten und ihn wegen seines aggressiven Verhaltens ausschlossen.

Die Opferfalle

Wer Erinnerungen an erduldete Härte und Leiden hernimmt und daraus eine Opfergeschichte spinnt, tritt in eine Falle. Wir stecken dann in einem Leben fest, dessen Hauptziel aus Selbstmitleid besteht, und unsere Beziehungen kreisen darum, wie wir das Mitleid der anderen erhaschen können. Wir sollten uns fragen: Benutze ich eine «Armes-Ich»-Geschichte, um eine Position von Unzulänglichkeit und Leiden zu rechtfertigen?

„Ich wurde im Alter von sieben Jahren sexuell belästigt.“

„Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich zehn war.“

„Ich wurde während meiner gesamten Schulzeit gehänselt.“

Heile dich selbst

Dies sind wahrlich schmerzhafte Erfahrungen. Sie verdienen Mitgefühl. Aber halten wir mehr an ihnen fest, als sie an uns? Glauben wir, dass unsere Wunden unsere Leistungsfähigkeit und unser Potential schmälern? Definieren sie unsere Beziehungen? Nutzen wir sie, um andere zu manipulieren? Wenn du eine dieser Fragen mit „Ja“ beantwortet hast, bist du in deinem verwundeten Selbst verhaftet. Wenn du dich selbst heilen willst, musst du die Schnur durchschneiden und dieses Opferbild gehen lassen.

Hören wir auf, Emotionen, die aus unserem Opfergefühl heraus entstehen, wie Depression oder Ärger, so zu behandeln, als wären sie der Kern unseres Wesens. Erkennen wir stattdessen unsere halsstarrigen Kämpfe mit der Realität als Ausdruck unseres wahren Willens. Kümmern wir uns um unsere Wunden, wie wir uns um einen gebrochenen Arm kümmern würden. Wir richten die Knochen, dann lassen wir sie heilen, ohne den Vorfall immer und immer wieder zu erleben und nachzuerzählen.

Bildquelle: agsandrew bei Fotolia | Mensch vital bei Google+

Über Shai Tubali

Shai Tubali ist ein internationaler Autor, Denker und Redner, der sich auf die Felder der Psychologie und der Spirituellen Transformation spezialisiert hat. Als Teil seiner Expertise, ist er auch Entwickler von Methoden für innere Transformation. In seiner Arbeit der letzten fünfzehn Jahre kombiniert er inneres Wissen des Ostens, westliche Philosophie und westliche Psychologie um eine tiefreichende Transformation der Psyche und des Geistes zu erwirken. «Power Psychologie», die «Expansion Methode» und die «Psychologie der Chakren» sind drei von ihm entwickelte Leitinstrumente, welche die Lehre spiritueller Erleuchtung zur Transformation verschiedener Aspekte des menschlichen Lebens verwenden.

Alle Beiträge von Shai Tubali.

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Über Co-Autor Tim Ward

Tim Ward ist Publizist und Lehrer. Er hat 8 Bücher geschrieben, unter anderem “Indestructible You”, das er zusammen mit Shai Tubali geschrieben hat. Die meisten seiner Bücher erklären die philosophischen und spirituellen Dimensionen des Lebens ins verschiedenen Kulturen der ganzen Welt. Er ist Mitinhaber von Intermedia Communications, ein Schulungsunternehmen, in der er transformative Kommunikation für Wissenschaftler, Ökonomen und Entwicklungsspezialisten lehrt. Absolventen erhalten ein Zertifikat, um selbst mit dieser Methode arbeiten zu können und um ein Instructor für andere zu sein. Ausgebildete Therapeuten können ihre Arbeit mit dieser Methode kombinieren.

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