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Taijiquan ist keine chinesische Gymnastik. Taiji oder Tai Chi, wie es auch kurz genannt wird, ist eine Bewegungskunst, die bis tief in den Alltag der Übenden hinein wirkt. Das wird von alters her darauf zurückgeführt, dass Kopf, Herz und Hand gemeinsam gefordert und synchronisiert werden. Die erstaunlichen heilsamen Effekte des chinesischen Schattenboxens werden heute von der westlichen Wissenschaft «nach»gemessen.

Taijiquan besitzt einen Kern, es trägt einen Samen in sich, aus dem es immer wieder neu entsteht, das ist die Haltung, womit sowohl die innere als auch die äußere Haltung gemeint ist. Will man Taijiquan wirklich verstehen, ist es notwendig, diese Haltung anzuschauen wie den Kristall, der aus verschiedenen Perspektiven wechselnde Farben zeigt und sich doch immer gleich bleibt.

Die Mutter von Yin und Yang

Das «Taiji», das im ersten Teil des Namens Taijiquan steckt, geht in der chinesischen Philosophie aus dem Wuji hervor, dem unbegrenzten Grund allen Seins, einer Leere, die nicht Nichts ist, sondern die unendliche Fülle der Möglichkeiten in sich birgt.

Taiji ist als Tochter von Wuji pures Potenzial und kann alles, was nicht ist, in die Welt bringen, Taiji ist das große Wirkungsvermögen, es trägt unendliche Möglichkeiten in sich und besteht im Zusammenspiel von Ruhe und Bewegung, Taiji, so heißt es, ist die Mutter von Yin und Yang.

Yin und Yang im Körper

Diese unendliche Fülle der Möglichkeiten ist vergleichbar dem Zustand, bevor sich Praktizierende aus dem «hüftbreiten Stand», der Ausgangsposition, heraus bewegen. Yin und Yang, links und rechts, Fülle und Leere sind im Augenblick allein als Potenzial da. Als Praktizierender ruhe ich in mir und weiß, dass ich diese Gegensätze hervorbringen kann.

Ich stehe mit leicht gerundeten Knien, Füße stehen parallel, etwa so weit voneinander entfernt wie meine Hüften breit sind, die Fußspitzen weisen nach vorn. Alle Möglichkeiten befinden sich im «hüftbreiten Stand», genauer gesagt in der Mitte. Diese wird im Hüftbereich lokalisiert, die Chinesen sagen im «Dantian», sie ist der körperliche und energetische Schwerpunkt des menschlichen Körpers.

Wie Bewegung wirkt

Obwohl Yin und Yang in der Welt eben gerade durch ihre Gegensätzlichkeit zu erkennen sind, bilden sie in ihrem Ursprung eine Einheit, dort ruhen sie unerkannt, da sind sie Eins. Auch für Praktizierende werden die Gegensätze erst dann erfahrbar, wenn Bewegung ins Spiel kommt. Bis es soweit ist, ruhen Praktizierende in ihrem Geist und ihr Körper ist unbewegt.

Diese Einheit, also das Taiji, hat natürlich auch einen energetischen Aspekt. Auch Energie ist Eins und kann doch für die unterschiedlichsten Zwecke «bewegt» werden. In der Bewegung erst zeigt sich ihre Wirkung. Zum Beispiel ist es einer energiegeladenen Ohrfeige egal, ob sie ausgeteilt oder eingesteckt wird. Die Ohrfeige bleibt sich gleich, allerdings sind die mit ihr verbundenen Erfahrungen sehr gegensätzlich, so wie Yin und Yang.

Die Energie bleibt sich gleich

Lass uns jetzt einmal die Augen schließen und uns in das Tun hinein versetze. Jetzt bewegen wir uns. Wir richten unser Bewusstsein auf die Mitte und schieben die Hüfte aus dem «hüftbreiten Stand» heraus nach links, gleiten also mit unserer Mitte – und das heißt mit unserem Bewusstsein – in eine Zone irgendwo zwischen links und rechts.

Am Ende befindet sich unser Schwerpunkt vollständig links. Die Mitte aber ist sich gleichgeblieben, obwohl sie äußerlich gesehen nun links ist. Unser Bewusstsein ist durch alle Positionen auf dem Weg von der Mitte nach links mitgegangen und ruht immer noch im Dantian, sie ruht in der Mitte. Im Äußeren aber gibt es nun die Gegensätze Fülle (Schwerpunkt auf dem linken Bein) und Leere (kein Gewicht auf dem rechten Bein).

Im Taijiquan wird dieser Vorgang «zentriertes Gleichgewicht» genannt. Das zentrierte Gleichgewicht begleitet Praktizierende während der gesamten Choreograpie — und darüber hinaus.

Diese so wie alle anderen Bewegungen im Taijiquan sehen von außen gegensätzlich aus, wir spüren sie im Körper als Gegensätze, sie fühlen sich gegensätzlich an, dennoch ist ihre Energie wesenhaft gleich. Und auch wir selber bleiben in allen äußeren Zuständen gleich, wir sind stets zentriert in unserer Mitte. Genau deswegen wirken die Bewegungen beim Taijiquan so unendlich weich.

Yin und Yang wirken überall im Leben

Die alten Chinesen wandten die Lehre von Yin und Yang ohne Unterschied auf alles an. Kein Lebensbereich konnte — und kann noch heute — getrennt von den anderen betrachtet werden. Yin und Yang stehen für die wesenhafte Einheit von Himmel und Mensch, von Mensch und Natur, diese Einheit gilt ebenfalls für die Gegensätze in der inneren Natur des Menschen, also für seine moralischen Prinzipien, seine Emotionen und sozialen Kompetenzen. Alles, was in der Welt geschieht, spielt sich zwischen gegensätzlichen Polen ab, zum Beispiel zwischen Leichtfertigkeit und Verantwortung, auch Misstrauen und Vertrauen, Regellosigkeit und Disziplin, Ignoranz und Empathie, Hass und Liebe.

In der Bewegung des Schattenboxens erscheinen diese Pole beispielsweise als das Schieben und Ziehen in der Choreographie des Taijiquan.

Analoges Denken

Das Kristall-Beispiel vom Anfang eignet sich auch dafür, das Konzept des Taijiquan von einer erneut anderen Perspektive aus zu betrachten. Die philosophische und praktische Basis für seine wesenhafte Einheit ist das Denken in Analogien. Denn die gegensätzlichen Paare des Yin und Yang sind keineswegs beliebig gewählt. Im Gegenteil. Sie sind das Ergebnis der Fähigkeit, sehr exakt in Analogien zu denken. Damit gewinnt die Lehre von Yin und Yang eine ungeheure Wucht und Wirksamkeit für den Alltag.

Die wesenhafte Einheit im Alltag

Stelle ich mir beispielsweise Hass und Liebe nicht als unabhängig voneinander vor (so wie es unser westliches, logisches Denken will), sondern als gegensätzliche Teile einer wesenhaften Einheit, was bedeutet das für meinen eigenen Hass? Für meine eigene Liebe? Wo bestimme ich meine Mitte zwischen diesen Polaritäten? Wo befinde ich mich?

Wie kann ich die Einheit von Hass und Liebe verstehen? Kann ich akzeptieren, dass ich es bin, der liebt und der hasst? Wie sehen die Balance, die Einheit und das Zentrum in meinem Alltag aus? Stehe ich mit beiden Beinen im Leben – so wie im «hüftbreiten Stand» – und mache einen Schritt seitwärts oder vorwärts, bleibt dann mein Bewusstsein tatsächlich in meiner Mitte? So will es das Taijiquan.

Wähle ich aus ganzheitlichem Bewusstsein und aus freien Stücken, falls ich hasse oder liebe? Was für ein Bewusstsein ist das, von dem meine Wahl abhängt?

Das Bewusstsein im Körper

Schwenken wir noch einmal zurück zum Anfang, zum «hüftbreiten Stand». Bis jetzt sind wir mit unserem Bewusstsein immer dem körperlichen Schwerpunkt gefolgt, wir waren in der Fülle. Was aber geschieht währenddessen mit der anderen Seite, der Leere?

Probieren wir es aus. Verlagern wir dieses Mal unser Gewicht zwar nach links, genauso wie anfangs, bleiben aber währenddessen mit unserem Bewusstsein auf der rechten Seite. Was beobachten wir rechts, während der Schwerpunkt nach links wandert? Rechts wird das Gewicht immer weniger, und mit der Aufmerksamkeit dabei zu bleiben, ist keine leichte Übung, der Geist will immer wieder auf die linke, «schwere» Seite springen.

Übrigens bleibt der rechte Fuß, während das Gewicht dort weniger wird, mit der Sohle vollständig am Boden. Auch das ist eine Energie, sie fühlt sich aber ganz anders an als die Energie mit Gewicht.

Während wir uns also dieses Mal bewegen, bleiben wir uns bewusst, dass auf einer Seite die Leere zunimmt und auf der anderen Seite die Fülle. Wo die Leere zunimmt, nimmt zugleich die Fülle ab, und wo die Fülle zunimmt, nimmt die Leere ab. So bilden beide in unserem Bewusstsein eine Einheit.

Die Entscheidung liegt bei uns

Wenn wir ganz genau hinschauen, dann «sehen» wir, wie wir eine Wahl treffen zwischen Fülle und Leere, und zwar, ohne das eine oder das andere dabei aus den Augen zu lassen. Wenn das gelingt, dann sind in unserem Bewusstsein beide Eins. Bewusstsein kann Gegensätze zu einer Einheit verbinden. Bewusstsein ist wie der Schieber auf einer dieser antiken Arztwaagen, immer auf der Suche nach der Balance.

Inzwischen ist deutlich geworden, dass diese körperliche Übung ebenso auf das Beispiel «Liebe-Hass» anwendbar ist. In beiden Fällen geht es um das Zentrum des Bewusstseins. Wo befindet sich die liebende Seite in uns, während wir wütend sind? Und wir selbst?

Diese Bewusstseinsübung verdeutlicht, wo der Unterschied zwischen einer exotischen Gymnastik und Taijiquan liegt. Die Suche nach dem körperlichen Gleichgewicht bei der beschriebenen Übung ist nicht von der wesenhaften Einheit von Himmel und Mensch, von Mensch und Natur zu trennen, Anstöße gibt dieses Bemühen ebenfalls für die Balance der inneren Natur.

Die angeführten Analogien gehen von der Philosophie des Yin und Yang aus, sie sind jedoch als geistiges, psychisches und physikalisches Gesetz auf allen Ebenen unseres Seins wirksam, nicht nur als Konzept, sondern als täglich erfahrbare Wirklichkeit. Auch ohne dass wir uns dessen bewusst sein müssen, wirken sie in alle Schichten unserer Persönlichkeit hinein.

Gesundheit, Bewusstsein und Einssein

Hier geht es an das, was für uns alle essentiell ist, nämlich die Gesundheit. Wir wissen aus der Forschung der Epigenetik, dass unser Lebensstil, mithin auch Überzeugungen, Glaubensmuster, moralischen Prinzipien, Emotionen und sozialen Kompetenzen, Gene in uns an- und abschalten kann. An diesem Punkt befindet sich tatsächlich so etwas wie ein «Schalter», mit dem wir unsere Gesundheit steuern. Das geschieht in jedem Augenblick, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Wirklich gesund und vital, das wollen uns wohl diese Erkenntnisse sagen, bleiben oder werden wir nur, wenn wir Integrität, Einheit und so fort auf allen Ebenen unseres Seins anstreben. Was lange Zeit als so etwas wie ein «Sahnehäubchen» auf einem wirtschaftlich erfolgreichen Leben galt, rückt nun ausgerechnet durch die Wissenschaft, die einst so viele in die Leere des ausschließlichen Denkens trieb, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und in das Zentrum eines vitalen Lebens.

Taijiquan ist ein erprobter, systematischer Weg, um dieses Zentrum zu beleben. Und weil das Innen nach außen wirkt und das Außen nach innen, spürt und empfindet sich beim Taijiquan jede und jeder mit etwas Größerem verbunden. Wir sind nicht getrennt voneinander, diese Erkenntnis ist handfest, mit jeder Bewegung erfahrbar und in der Wärme des eigenen Körpers spürbar.

Bildquelle: 000020079268 iStock | Mensch vital bei Google+
Dao-Yoga. Coaching. Aus eigener Kraft.

Über den Autor

Jürgen Ryżek ist ein Dao-Yoga-Lehrer, LifeCoach, Autor und Denker, der sich seit 1980 dem Lehren und Coachen zur Pflege einer kraftvollen Körper-Geist-Seele-Beziehung widmet. Seit er sein Herz nach einem Infarkt durch Selbstheilung aktiv und vollständig wiederherstellte, entwickelt er Methoden rund um die Heilung körperlicher Schäden aus eigener Kraft. Dabei lässt er sich von traditionellem europäischen und fernöstlichen Heilwissen inspirieren. Als tragende Idee dient ihm eine Metaphysik der Selbstheilung.

Alle Beiträge von Jürgen Ryżek.

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